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Familie Lahusen


 

 

Aufstieg und Fall einer Familie des deutschen Bürgertums

Vier Generationen - Lahusen - in 120 Jahren. Die Familie Lahusen ist bis in das 15. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Sie lebte zunächst im Westfälischen, danach in Osnabrück. Der Pfarrer Christopher Lahusen zog Ende des 16. Jahrhunderts mit seiner Familie ins Oldenburgsche, nach Elsfleth.

Die Kaufmannsdynastie der Lahusens begann mit Wassilys
 Ur-ur-ur-ur-ur-grossvater:

 

Christoph Friedrich Lahusen ( 1781 - 1866 )
Mit ihm begann die Kaufmannsdynastie der Lahusens

1813 heiratete er in Oldenburg Adelheid Ordemann . Danach übersiedelte er von Oldenburg nach Bremen. Er absolvierte Ende des 18. Jahrhunderts eine kaufmännische Lehre in Bremen, ging anschließend für seine Firma 3 Jahre lang nach Spanien und Portugal um ein Kenner für Häute und Felle zu werden. Er machte sich nach seiner Rückkehr in Bremen selbstständig und eröffnete mit seinem Schwager (Arpenius Prange) eine Brauerei , ein Wirtshaus und ein Handelsgeschäft (Häute ­und Felle ) hinzu kam eine kleine Reederei. Später erwarb er an der Weser (Ecke Kalkst. ­ Hinter der Mauer) einen Gebäudekomplex, die "Aschenburg".

Es gab noch keinen Freihafen in Bremen . Die Schiffe legten an der Schlachte oder Muggenburg an. Die Schiffer und Seeleute kamen zu Lahusen, um nach den langen Seereisen ihren Durst zu löschen. Konnte einer seine Zeche nicht zahlen ( zu großer Durst ) nahm Lahusen auch die Hosen der Zecher als Pfand. Besonders gerne nahm er den Seeleuten aber "Länderlose" ab ( Bericht von Alfred Faust 1931, ist nicht zu überprüfen).
Diese Länderlose erwarben die Seeleute für wenig Geld in Buenos Aires und Bahia Blanca, in Rio de Janeiro und Montevideo. Die südamerikanischen Länder brauchten sehr viel Geld um sich als Staat zu konstituieren (Befreiung von den Spaniern). Sie verkauften Ländereien weit im Inneren. Es waren meilenweite Strecken zurückzulegen. Kein Seemann konnte je dorthin gelangen. Für die Seeleute waren diese Länderlose "totes Kapital".
Lahusen jedoch vermehrte dadurch seinen Grundbesitz in Südamerika ungemein.

Der soziale Aufstieg der Familie Lahusen wurde entscheidend geprägt durch die Heiratspolitik.
Sie begann schon vor Christops Umzug nach Bremen durch die Heirat seiner Schwester Antonette Friederike mit dem Bierbrauer Arpenius Prange.
Prange war gleichzeitig sein " Vorbürge " , gemeinsam mit Justus Tiedemann, vermutlich Kaufmann und Ältermann. Seine Töchter heirateten Pastor Heinrich Deetjen und den Kaufmann Georg Christian Deetjen. Die entscheidende Heiratsverbindung erfolgte im Jahr 1846 : es ist die Heirat zwischen Martin Christian Leberecht Lahusen und Anna Gebecka Meier, die aus einem der bedeutendsten Patriezierhäusern stammte. Ihr Großvater war Bürgermeister, ihr Vater mit
27 Jahren Bürgermeister und Senator. Dadurch wurde der soziale Aufstieg der Familie Lahusen offiziell besiegelt, allerdings ist bezeichnend für die noch bestehende Distanz, dass Dr. Diedrich Meier zuvor seinen Schwager Gustav Kuhlenkampff um Rat zu dieser Heirat bat. Die Verbindung zu den eben erwähnten Meiers und Kuhlenkampffs, sowie zu Noltenius, Volkmann, Vietor und Bömers ( Weinhandlung Reidemeister und Ulrichs ) blieb bis ins 20. Jahrhundert erhalten.

 

Martin Christian Leberecht Lahusen ( 1820 - 1898)
"Der Gründer der Nordwolle "

Er ist der Sohn von Christoph Friedrich Lahusen und wuchs in der alten "Aschenburg" an der Weser auf. Er verbrachte seine Lehrzeit in Braunschweig und England. 1847 wurde er Teilhaber im väterlichen Geschäft .

Zitat : " Schon vom Vater her war ihm eine große Gehorsam heischende Energie eigen, die sich bei ihm ins außerordentliche steigerte und den einen beherrschenden Zug seines Wesens darstellt. Mit unermüdlichem Fleiß und einer nicht geringen Erfindungsgabe, die ihm auch in schwierigen Lagen immer neue Wege zeigte, gestaltete er das Geschäft aus.

Verdankte L. seine großen Erfolge seiner Tatkraft, seiner unbedingten Zuverlässigkeit und einer Willenskraft, die freilich keinen Widerspruch duldete, sondern alles zwang, die von ihm gewiesenen Bahnen zu gehen, so wären diese Erfolge doch in seinen Augen nicht denkbar gewesen ohne den zweiten beherrschenden Zug seines Wesens, seine tiefe positive Gläubigkeit, mit der er sich, ohne zu grübeln, ein ganz persönliches Verhältnis zu Gott und einen festen Grund schuf, auf dem er sein ganzes Leben aufbaute. Wahrhafte Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit blieben ihm dabei eigentümlich.

Er war Mitglied und zeitweilig auch Bauherr der Stephaniegemeinde und erließ um 1865 ein Preisausschreiben für die beste Widerlegung der Ansichten von vier liberalen bremischen Pastoren." (Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhunderts )

Er erwarb Anfang der 1850er Jahre in Uruguay und Argentinien einen bedeutenden Landbesitz. 1855 (im Alter von 35 Jahren) wurde er alleiniger Inhaber der Firma seines Vaters. Durch die große Handelskrise im Jahre 1857 verlor er einen beträchtlichen Teil des bis dahin erworbenen Besitzes.
Mit Hilfe von auswärtigen Freunden und seiner unverzagten Energie und Arbeitskraft baute er das Handelsgeschäftgeschäft von neuem auf. Das Exportgeschäft ging allerdings immer mehr zurück, somit verlegte er sich mehr auf den Handel mit Häuten und Wolle. Früh erkannte Lahusen, dass in Bremen neben dem Handel - der Einstieg in die Industrie erfolgen muss. Er kaufte 1873 eine Wollfabrik in Neudek ( Böhmen.). Der Wechsel vom Handel zur Industrie stand allerdings unter keinem guten Stern. ( Wenig Kenntnisse von der industriellen Produktion mit dem Handelsgut Wolle ­ Betriebsanlagen und Gebäude veraltet - Allgemeine Krise in der Wollindustrie ).
Dennoch schaffte Lahusen es, durch seinen kapitalistischen Unternehmensgeist und seine Risikobereitschaft und mit Hilfe des Direktors Nieper , der die technische Leitung hatte, das Unternehmen erfolgreich aufzubauen. Um die Firma zu vergrößern gründete Lahusen als nächstes" Standbein" 1884 die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei ( NW & K ) in Delmenhorst (Grundstück 13 ha ,Gutsbesitz von Witzleben aus Hude)

 

Johann Carl Lahusen ( 1858 - 1921 )
"Der Mehrer" - Kommerzienrat seit April 1906

Der Sohn von Martin Christian Leberecht Lahusen wurde zur dominierenden Persönlichkeit im Betrieb der Nordwolle, während sich sein Vater zunehmend aus dem Geschäft zurück zog. Wie beim Großvater und Vater setzte sich bei ihm auch eine religiös verstandene Arbeitsauffassung fort. Auch für Ihn war Arbeit mehr Lust als Last .Er blieb trotz stetigen Aufstiegs und Erfolges demütig und bescheiden.
Allerdings scheint sich das starke Arbeitsethos allmählich aufzuweichen, sowie sich auch das Klima innerhalb der Familie in der 3. Generation langsam verändert. Die musische Ausbildung der Kinder gewinnt an Bedeutung und man kann davon ausgehen, dass die Förderung mit Carls Einverständnis geschah.
Innerhalb weniger Jahre stieg die Delmenhorster Fabrik zum Großbetrieb auf. 1890 wurden schon über 1600 Arbeiterinnen und Arbeiter, im Jahre 1930 schon 4500 beschäftigt. Die Dividende lag zwischen 1886 ­ 1899 bei 10 % bis 25% . Er erwarb Fabrikanlagen in Südamerika sowie in ganz Deutschland, verbesserte die Marktsituation und schaltete somit viele seiner Konkurrenten aus. Die Bilanzsumme stieg von 7,3 Millionen Mark 1885 auf das Zehnfache bis 1912.

Die Beschäftigte der Betriebe des Nordwolle-Konzerns:

1885 : 900
1910 : 10.000
1921 : 12.500
1928 : 28.100
1930 : 22.300

Trotz der Riesengewinne war die Nordwollebelegschaft die am schlechtesten bezahlte in dieser Branche.

Zitat der Frau Kommerzienrat : "Lieber lasse ich meine Pferde mit goldenen Hufeisen beschlagen, als das ich zugebe, dass auf der Nordwolle höhere Löhne gezahlt werden".

Deutsche Arbeiter ließen sich unter diesen Voraussetzungen schlecht finden und streikten häufiger. Daraufhin ließ Lahusen Pastoren reisen, um aus Ungarn, Galizien Polen, Tschechoslowakei und Spanien analphabetische Bauern mit falschen Versprechungen zu locken, z. B. wurden Ihnen statt des niedrigen Entgelts, Meisterlöhne versprochen. ( ein Pastor weigerte sich, ihm wurde gekündigt)

Familie Lahusen pflegte die Firmenideologie, die Nordwolle als eine große Familie darzustellen. Das Weihnachtsfest eignete sich besonders gut um diese Zusammengehörigkeit" zu demonstrieren. So führten die Arbeiterkinder u. a, in Gegenwart des Chefs, Weihnachtsspiele auf. Seine eigenen Kinder wurden mit je 1 Million Goldmark beschenkt, während die Arbeiter als "Geschenk" einen eingerahmten Bibelspruch erhielten ( A. Faust )

Es erhebt sich die Frage, welchen ideellen Hintergrund die zunehmende Zahl der betrieblichen Sozialeinrichtungen hatten. Aus Sicht der Unternehmensleitung ging es sicher um die Gewinnung einer Stammbelegschaft und ihrer positiven Bindung an ihre Firma. Ausdruck der patriarchalischen Machtstruktur war, dass bei fehlendem "Wohlverhalten" Vergünstigungen gestrichen werden konnten.

 

Die Sozialeinrichtungen

Der Konsumverein
In einem Gebäude von 1855 ( Arbeiterhaus ) wurde 1893 von der Unternehmensseite ein
Konsum­ Verein gegründet. Hier konnten Lebensmittel, Haushaltsgegenstände und auch Kohle
zu verhältnismäßig günstigen Preisen gekauft werden. Die Arbeiter/innen kauften auch
"auf Anschreiben".

Die Kindereinrichtungen
In den 1880er Jahren gab es sehr wenige Kinderbetreuungseinrichtungen und wenn es sie gab, waren diese nicht für Säuglinge und Kleinkinder. Die NW&K richtete schon ab ihrer Gründung einen Kinderhort und später eine Kinderkrippe ein. 1886 wurden schon in den betrieblichen Betreuungseinrichtungen 135 Kinder, ab 1910 schon mindestens 360 Kinder versorgt.
Als der 1898 verstorbene Gründer der NW&K der Stadt Delmenhorst 20.000 Mark vererbte, baute die Stadt eine "Kleinkinderbewahranstalt, die firmeneigene Kinderkrippe wurde aufgelöst. Für 2 bis 6 Jährige bestand seit 1886 in einem der Meisterhäuser eine Kinderspielschule.

Das Krankenhaus
Die NW&K führte seit 1888 ein eigenes Krankenhaus. 1925 hatte das Krankenhaus
100 Betten für die Beschäftigten und deren Angehörige.

Vorhanden waren ein Röntgengerät und ein Operationszimmer. Für ansteckende Krankheiten gab es ein Isolierhaus. Auch eine Ambulanz war eingerichtet. Oldenburger
Diakonissen waren zur Pflege eingestellt.

Das Wöchnerinnenasyl
Seit 1905 gab es ein Wöchnerinnenasyl für etwa 14 Frauen. Aufgenommen wurden die Frauen, die in der Zeit des Wochenbetts, keine Hilfe von Verwandten hatten Der Mutterschutz für erwerbstätige Frauen betrug ab 1878 insgesamt drei , ab 1891 vier bis sechs Wochen.
Zu der Zeit gab es eine "Wolle ­ Krankenkasse". Mitglieder der Kasse zahlten pro Tag im Krankenhaus 1,50 Mark, Nichtmitglieder 2,50 Mark, wobei der Spitzenlohn 1927 pro Woche 33,40 Mark und der für Anfängerinnen ca. 8 Mark betrug .

Die Badeanstalt
Für die Beschäftigten der "Wolle" wurde 1885 das erste Hallenschwimmbad in Delmenhorst, bestehend aus Wannenbädern, "Waschhaus" und einer Wohnung für den Bademeister gebaut.
Bis 1894 war für Frauen die Benutzung von öffentlichen Bädern verboten !
Das Schwimmbecken war ca. 10 X 6 m groß. Als den Frauen der Zugang zum Bad gestattet wurde, teilte man das Becken der Länge nach durch eine Trennwand, so dass nur noch. die Hälfte für jedes Geschlecht verblieb. Das Bad wurde aus hygienischen Gründen gebaut ( nicht zum Vergnügen ). Seife und Handtuch wurden gestellt. Wie oft die kostenlose Nutzung gestattet war, ist nicht bekannt.

Die Speiseanstalt
1905 wurde eine Speiseanstalt eingerichtet, die zuerst, auch aus Platzmangel nur für die Angestellten gedacht war. Später wurde eine "Zwangseinrichtung" daraus. Alle Angestellten mussten das Essen in der Kantine einnehmen. Das Gehalt wurde dafür um 15 Mark gekürzt. Die Arbeiter/innen konnten zum Aufwärmen für das mitgebrachte Essen vorhandene Wärmeplatten benutzen. Das Essen wurde von Familienangehörigen oft bis an den Arbeitsplatz gebracht. Dadurch wurde der Akkordlohn nicht so stark gemindert. Während der Pausen liefen die Maschinen weiter und wurden von den Frauen nebenbei gereinigt. Das führte häufig zu schweren Handverletzungen.

Die Wohnungen der Beschäftigten
Um eine Ergänzung der Lebensmittel zu haben, gehörten zu vielen Werkswohnungen kleine Gärten für Gemüse und ein kleiner Stall. Hühner, Ziegen, Kaninchen oder ein Schwein wurden gehalten. Arbeiter, vorzugsweise aber Meister und Angestellte, konnten sich zusätzlich 100 ­ 200 Quadratmeter Brachland von der NW&K pachten. Zur Zeit der Gründung ( 1884 ) wurden so genannte Beamtenhäuser für Betriebsleiter und Ingenieure gebaut. Ein Haus mit 20 Einzelzimmern, großem Garten und Tennisplatz wurde1900 für jüngere ledige Beamte und kaufmännische Lehrlinge gebaut. Es war ein Junggesellenheim, "Herrenpensionat." genannt.

Die Mädchenheime
Der Bau von Mädchenheimen begann 1884 zuerst mit einem Mädchen ­ Logierhaus für 40 Mädchen. 1898 wurde dann ein großes Haus für 150 Mädchen errichtet. Hierin befand sich eine "Anlernstube" für Maschinenarbeiten, Handarbeiten und hauswirtschaftliche Tätigkeiten.
Weiterhin ein Speisesaal, sowie eine Kapelle ­ Kirchensaal ­ für bis zu 300 Personen.
Der Kirchensaal diente zur Unterweisung einer sittlichen Lebensführung, war aber leider nur oft zu einem Drittel besetzt.

Als Erholungsheime dienten die Güter Schafkoven, Langenwisch und Elmeloh.

Der "Herrschaftssitz"
Die "Villa Lahusen" lag abgegrenzt durch eine Kastanienallee zum Betriebsgelände in einem großen Park (erbaut vom Landschaftsarchitekten Wilhelm Benque ), der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Trotz der Betonung der Nordwollebelegschaft als Familie, war Distanz von der Unternehmensleitung durchaus erwünscht.

Der soziale Unterschied wurde auch sichtbar durch die weiße, spätklassizistische Fassade mit dem doppeldeutigen Psalmzitat :
"Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen"
Bezeichnenderweise hoben sich nur noch das "Herrenhaus" und das Pastorenhaus durch ihre Bauweise ab. Der Herrschaftssitz "Gut Hohehorst" mit 107 Zimmern und 12 Badezimmern mit Park und Gutshof, instand gehalten von 80 ­90 Parkarbeitern, diente der Familie von1928 ­ 1930 als Sommersitz.

Nicht genau erforscht ist bis heute ob die sozialen Einrichtungen als Reaktion auf Missstände oder als Erfüllung einer "großen sozialen Aufgabe" anzusehen sind. Zum 25 jährigen Dienstjubiläum erhielt jeder Mitarbeiter/in ein gerahmtes Diplom, das den engen Zusammenhalt des Familienunternehmens darstellen sollte. Das Wunschbild des idealen Arbeiters wurde wie folgt formuliert.
Zitat :
"Sei fleißig wie die Bienen, treu wie ein Bernhardiner und dem Fabrikherrn immer kameradschaftlich zugetan, dann wirst du deinen Lebensabend auf das Beste behütet verbringen"
( Lahusen, Eine Bremer Unternehmerdynastie )

 

Georg Carl Lahusen (1888 ­ 1973 )
"Der Zerstörer"

Dieser friedliche Lebensabend war den Menschen, die unter Georg Carl Lahusen lebten und arbeiteten leider nicht mehr vergönnt. In nur10 Jahren gelang es G. Carl, das von Großvater und Vater aufgebaute Unternehmen zum betrügerischen Konkurs zu führen und, wie Alfred Faust im "Panama der Nordwolle" bemerkt,
Zitat :
" aus dem vergoldeten Sessel im Prunkschloß Hohehorst, im Holzschemel des Bremer Untersuchungsgefängnisses zu landen"

Faust bezeichnet G. Carl als typischen Vertreter der Nachkriegsgeneration der Großkapitalisten, die durch Zufall oder Erbschaft an die Spitze eines Unternehmens gestellt werden, denen aber das nötige Verantwortungsgefühl und Können fehlt. G. Carl wuchs in einer Welt des Wohlstandes auf. Er wurde als ältester Sohn auf die Firmenleitung hin erzogen. Ihm fehlte aber das Geschick seines Vaters. Die Zentralisierung der Firmenleitung der verschiedenen Firmen auf seine Person bewirkte mangelnde Flexibilität. Die Spekulation, trotz der ungünstigen Weltmarktpreise Wolle einzulagern, erwies sich als weitere Fehlentscheidung.
Ab 1925 wurden die Bilanzen gefälscht, um der Öffentlichkeit ein gesundes Unternehmen vorzugaukeln. Die Nordwolle machte längst Millionenverluste.
Der Wunsch, mit allen Mitteln die marktbeherrschende Position auszubauen, trübte bei G. Carl den Blick für die ökonomische Realität. Die Banken jedoch glaubten an die Prosperität des Unternehmens angesichts der Prachtbauten eines Kontorhauses , heute "Haus des Reichs", sowie des Sommersitzes "Gut Hohehorst", auch angesichts des Auftretens von G. Carl.
Solange ein Unternehmer Erfolg hatte, schien er durch Arroganz und forsches Auftreten beeindrucken zu können. Schwäche wurde als Stärke ausgelegt. 1930 wurde G. Carl zum Präses der Handelskammer Bremen gewählt, schon ein halbes Jahr später brachen alle Täuschungsmanöver zusammen ( Prozess Aug. ­ Dez. 1933 ). Die Angaben über die Verluste schwanken zwischen 180 und 240 Mill. Reichsmark. Sie kosteten die Danatbank und die private Schröder-Bank ihre Existenz. Wegen Betrugs und persönlicher Bereicherung wurde G. Carl zu 5 Jahren, sein Bruder Heinz zu 2 Jahren und 9 Monaten Gefängnis, zuzüglich 50.000 und 20.000 RM Geldstrafe, verurteilt.

Der Zusammenbruch der Nordwolle war für die Belegschaft eine Katastrophe. Es muss auch innerlich einen "Einbruch" gegeben haben, denn es gab durchaus Menschen , die für ihre "Herren" durchs Feuer gingen. So ist es wohl auch zu erklären, dass der "Mythos Lahusen" in Delmenhorst noch länger weiterging als in Bremen, obwohl auch dort die Presse sehr unterschiedlich reagierte.
Der SPD Reichstagsabgeordnete, A. Faust, wurde schon verschiedentlich zitiert, dagegen versuchte die Weser­Zeitung den Mythos der erfolgreichen Unternehmerfamilie, die nicht gegen bürgerliche Ehrbegriffe verstoßen würde, aufrechtzuerhalten. Das Bremer Wirtschaftsbürgertum sprach sich für die Erhaltung der Nordwolle und gegen die Festnahme der Brüder aus, da man einen günstigen Eindruck von der Persönlichkeit G. Carls hatte. So ist auch die hohe Bürgschaftssumme von 300.000 RM zu erklären, die für die vorübergehende Freilassung G. Carls bereitgestellt wurde. Am 03.09.1932 überreichten Mitglieder der bürgerlichen Fraktion in Delmenhorst der Strafkammer eine Eingabe mit der Bitte um Haftentlassung G. Carls mit dem Hinweis auf die großen Verdienste der Familie Lahusen.
Selbst der Generalstaatsanwalt konnte sich nicht ganz dem "Lahusenmythos" entziehen.
Er räumte ein, dass auch er eine Zeitlang zu denen gehört habe, die es für unmöglich hielten, dass die Lahusen - Brüder etwas Unehrenhaftes tun könnten. Die Macht war völlig auf G. Carl konzentriert ­ der Aufsichtsrat traf sich nur 2 mal im Jahr und ließ G. Carl aus Fam. Tradition in fast allen Entscheidungen freie Hand. Schuldbewusstsein war bei ihm nicht vorhanden.
Er sprach von wirtschaftlicher Notwehr und der Notwendigkeit eines Industrieführers,
dass er im Sinne der Belegschaft auch schon einmal Gesetze umgehen müsse. Das klingt im Hinblick auf die Geldausgaben für persönlichen Luxus doch absurd.

Georg Carls Urgroßvater Christoph konnte sich sicher nicht vorstellen, dass sich seine Warnung vor Millionären in der 4. Generation bereits erfüllen sollte.
Zitat :
" was hat der Millionär? Last, Plage, Sorgen! Er hat nie genug, er will immer mehr haben, aber innere Ruhe, Frieden und Freude, die sucht man vergebens bei ihm, und den Kindern gereicht der große Reichtum fast jedes Mal zum Verderben, bald auf diese, bald auf eine andere Weise".
( Lahusen , eine Bremer Unternehmerdynastie)

Veränderungen vollzogen sich im Denken und Handeln der Lahusens. Während in der 1. und 2. Generation der Glaube, die Demut und die Distanz zum Vermögen verankert sind, verändert sich in der 3. Generation die Einstellung zum Luxus, die sich in der 4. Generation so verhängnisvoll auswirken sollte. Die traditionelle Frömmigkeit, vor allem der Patriarchen, war nicht mehr so selbstverständlich und wurde "privater". Die Religion beinhaltete auch eine betriebswirtschaftliche Bedeutung. Das Geschlechterverhältnis wurde partnerschaftlicher. Die Erziehung spielte sich zwischen Individualismus und bürgerlicher Sozialisation ab. Arbeit und Glauben verloren an Gewicht für das Familienleben, es gab moderne Freizeitvergnügen. Die bewusste Planung familiärer Kontakte trat an die Stelle des selbstverständlichen Zusammenlebens.

G. Carl brach mit den puritanischen und asketischen Traditionen seiner Vorfahren. Er konnte nur zum Schein die patriarchalischen Strukturen aufrechterhalten, war aber offensichtlich den anonymer werdenden Unternehmensstrukturen nicht gewachsen. Die Familientradition stand im eklatantem Widerspruch zu den modernen ökonomischen Anforderungen. Auch daran, insbesondere aber an seiner Lebensweise und der Distanz zur Arbeiterschaft, zerbrach er.

Literatur

Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhundert
Herausgegeben von der historischen Gesellschaft des Kunstvereins
Verlag Gustav Winter Bremen 1912

"Die Nordwolle" Eine Stadt in der Stadt
Leitfaden für einen Rundgang
Schriftenreihe "Der rote Faden" / Förderkreis Industriemuseum Delmenhorst e.V.
Delmenhorst 1991

Sehet hin und lernet !
Das Panama der Nordwolle
Die Lahusen
Verkrachte "Führer" der Wirtschaft.
Von Alfred Faust Bremen 1931?

"Haus des Reichs" Von der Nordwolle zum Senator für Finanzen
Architektur und Geschichte eines Bremer Verwaltungsgebäudes
1999 Herausgeber : Der Senator für Finanzen

Dietmar von Reeken
Lahusen - Eine Bremer Unternehmerdynastie 1816 ­ 1933
Edition Temmen, 1996

 

Von I. & H. Gehrke und J. Preuß
aus: http://www-user.uni-bremen.de/~bremhist/LahusenFamilie.html